Wer glaubt denn schon an die Eiskönigin?

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Als es windstill wurde, begannen die Flocken zu fallen. Erst fiel eine nach der anderen auf das tabakbraune Laub am Waldrand. Dann bedeckte eine Schneeschicht, zart wie der Stoff von Großmutters Gardinen, den steinigen Weg. Anfangs hockten die Maulwurfshügel noch weiß bemützt auf der Wiese gegenüber sichtbar herum, bald waren auch sie unter dem Flockenteppich verschwunden. Die knorrigen Wurzeln der Eichen deckte der Schnee ebenfalls zu. Nebel zog auf. Die ganze Landschaft verstummte unter einem Schneeweiß.

Jeder Schritt ließ den Schnee unter meinen Füßen knirschen. Es war ziemlich anstrengend, sich den Weg bergan durch die weiße Pracht zu bahnen. Doch ich wollte unbedingt die Höhle finden, in der die Schneekönigin den kleinen Kay gefangen gehalten haben soll, der später von seiner Spielkameradin Gerda gerettet wurde. Es war mühsam, den Eingang aufzuspüren, gerade jetzt, wo es so sehr schneite.

Ein Freund hatte mir eine uralte Karte gegeben, in welcher der Eingang handschriftlich gekennzeichnet war. Doch war es schwierig aufgrund fehlender Koordinaten die richtige Stelle zu finden. Aufgrund der anstrengenden Wanderung begann ich leicht zu transpirieren. Auf einmal sah ich ein Stück vom Wegesrand entfernt eine kleine Felsformation mit dem Hinweis auf eine eventuelle Höhle. So schlug ich mich durch das schneebedeckte Gestrüpp, in dem ich mich natürlich verhedderte und mir die Stacheln durch die Sachen in die Haut stachen, als wöllten sie verhindern, dass ich weiter gehe.

Irgendwann stand ich doch vor den Felsen. Kein Vogel war zu hören, kein Baum ächzte, nur der Schnee fiel in großen Flocken lautlos zu Boden. Es war geradezu unheimlich. Meine Blicke schweiften umher und ich konnte nichts entdecken. Noch einmal nestelte ich die Karte hervor und schaute mir den Standort des Kreuzes an. Es müsste hier sein. Ich lief umher und schaute intensiv nach einem möglichen Eingang. Nichts. So langsam dämmerte es schon und ich sollte mich auf den Rückweg machen. Dann entdeckte ich hinter einem Brombeerbusch einen von dicken Eiszapfen verdeckten Eingang, wie ein Gefängnis aus Eis.

Er war viel kleiner als ich angenommen hatte. Ich bückte mich, um mit der Taschenlampe in den Eingang zu leuchten. Aus dem Dunkel wehte mir ein eiskalter Atem entgegen. So kalt, dass mir die Luft weg blieb. Ich richtete mich auf und urplötzlich wandelte sich der sanfte Schneefall in einen Schneesturm. Er peitschte um mich herum. Von den Baumkronen fiel der Schnee herunter, als würde man ganze Badewannen über mich ausschütten. Schnell versuchte ich, auf den Weg zurück zu kommen und den Berg hinab ins Dorf zu steigen. Der Sturm fauchte, so dass ich nicht einmal den Schnee unter meinen Schuhe knirschen hörte.

Atemlos erreichte ich den Waldrand und drehte mich noch einmal vorsichtig um. Ich hätte schwören können, dass über dem Wald die Schneekönigin mit ihrem langen Mantel kreiste. Aber vielleicht ist mir auch nur eine große Schneeflocke ins Auge gefallen.

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