Wann kommt der Frühling?

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Der Frühling beginnt nicht überall zur selben Zeit. Auf der nach Norden gewandten Seite des Waldes, da, wo die Sonne es nicht einmal zur Mittagszeit schafft, ihre Strahlen hin zu senden, liegen Reste von Schnee. Die Südseite des Hügels, welche die wärmenden Strahlen von Klara in sich aufsaugt, dort ist schon ein Hauch Sommer zu spüren, bis der eisgekühlte Ostwind diese Gedanken wieder hinfort weht.

Das Schmelzwasser des Schnees versickert im Boden und die Erde beginnt zu duften. Das graue Fell des Grases wird schon von feinen grünen Strähnen durchzogen. Plötzlich steigen ein paar Heidelerchen aus den Büschen empor und intonieren Strophen eines Frühlingsliedes. Für das bevorstehende Frühlingskonzert müssen sie noch üben, es klingt noch nicht überzeugend.

Weiter hinten liegt ein kleiner verlandender See, eigentlich ist es schon mehr ein Sumpf. Aber vielleicht ist es auch ein Sumpf, den die Einheimischen als See bezeichnen. In jedem Fall hat die Sonne das Eis auf dem Sumpfsee schmelzen lassen. Man erkennt noch löchrige Eisreste aus denen Wasserpflanzen heraus schauen. ‚Was wohl auf dem Grundes eines solchen geheimnisvollen Gewässers alles liegen mag?‘, denke ich so bei mir. So ein See verschlingt nahezu alles, was er bekommt. Er verdaut oder verwahrt Dinge über Jahrhunderte, bevor er er es, meistens im Frühjahr, wieder an das Tageslicht lässt: ein klappriges Damenrad (Ist es das von Farin Urlaub?), einen linken Lederschuh, die Leiche eines germanischen Kriegers, eine Holzkiste mit Gold und Geschmeide, Zeugnisse einer unglücklichen Liebe und noch vielerlei Dinge mehr.

Die Sonne sendet ihre Strahlen auf die Bäume und lässt die noch grauen Äste freundlich bläulichrot bis violett schimmern. Die Kiebitze scheinen etwas verfrüht aus ihrer Winterresidenz zurück gekehrt sein, denn sie fliegen etwas kältesteif durch die Luft. Doch wenn man genau hinschaut, erkennt man, wie sich die Weibchen necken und die Männchen zur Schau miteinander kämpfen, als wüssten sie gar nicht, warum sie das tun. Der Frühling bringt nicht nur uns Menschen durcheinander. Überall steigen die Säfte und alles will explodieren, blühen, tirilieren. Man merkt die Kraft der Natur, das Graue zu vertreiben und die Welt mit Farben und Düften auszufüllen.

Während ich weiter am Waldesrand spaziere, gauckelt ein Zitronenfalter im Zickzack vor mir her. Wenig später überholt mich mühsam in Schulterhöhe eine Erdhummel mit lautem Brummen. Ich hätte sie mit einem High five begrüßt, aber sie flog ohne sich umzuschauen an mir vorbei. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Der Frühling kommt wirklich.

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